Über den Mariazeller Weg
Der Mariazeller Weg ist eine der ältesten und traditionsreichsten Pilgerstrecken Österreichs, die sich über etwa 120 Kilometer von Wien bis zum Wallfahrtsort Mariazell in der Steiermark erstreckt. Diese Route verbindet nicht nur zwei geografische Punkte, sondern durchquert auch verschiedene Landschaftsräume, die das Gesicht Österreichs prägen: Beginnend am südwestlichen Wiener Stadtrand bei Rodaun oder Perchtoldsdorf (265 m) führt der Weg durch die ausläufernden Wälder des Wienerwaldes, vorbei an barocken Klöstern und kleinen Dorfkirchen, die wie Perlen an einer Schnur aufgereiht sind.
Die Route ist durchsetzt mit Marterln – jenen charakteristischen Wegkapellen und Wegkreuzen, die seit Jahrhunderten Pilger begleiten und an lokale Heilige oder historische Ereignisse erinnern. Im weiteren Verlauf öffnet sich die Landschaft zu den sanften Hügeln des Waldviertels, bevor sie in die alpine Randzone des Ötscher-Gebietes übergeht, wo steile Tälchen und offene Almflächen die Pilger erwarten.
Die letzte Phase führt durch die charakteristische Mariazeller Mulde, eine Senke, die das Heiligtum wie in einer natürlichen Schale birgt. Der Weg ist nicht nur eine physische Herausforderung mit moderaten Höhenunterschieden, sondern auch eine zeitliche Reise: Jeder Kilometer erzählt von mittelalterlichen Wallfahrtstradition, von der Kraft des Glaubens, die Menschen über Jahrhunderte hinweg zum Heiligtum trieb, und von der gastfreundlichen ländlichen Kultur, die sich in den traditionellen Wirtshäusern und Gasthöfen entlang der Route widerspiegelt.
Beste Reisezeit
Trockene Wege ohne Schnee auf Hochalmen wie Hohe Veitsch und Bürgeralpe, optimale Bedingungen für Aufstiege ins Almenland.
Meiden: Oktober bis Mai wegen Schnee und Eis auf Pretalsattel und Schöckl
Klima
Highlights
Heiligenkreuz Abbey
Das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz, gegründet 1133, liegt im Wienerwald und ist eines der ältesten Klöster Österreichs. Die Kirche beeindruckt mit ihrer romanischen Architektur und der berühmten Heiligenkreuz-Reliquie, die bereits Pilger seit Jahrhunderten anzieht. Die Krypta und der Kreuzgang zeugen von der klösterlichen Handwerkskunst des Mittelalters.
Wienerwald-Ausläufer bei Heiligenkreuz
Die dichten Buchenwälder des Wienerwaldes prägen die erste Etappe des Pilgerweges mit ihrer charakteristischen Vegetation und ihrem kühlen Mikroklima. Diese Waldlandschaft war bereits in der Antike bekannt und wurde von römischen Schriftstellern beschrieben. Die Wälder bieten Schutz und Erholung vor der städtischen Welt Wiens.
Marterln und Wegkapellen
Entlang des gesamten Mariazeller Weges finden sich hunderte von Marterln – kleine Wegkapellen und Kreuze aus Holz oder Stein, oft mit Inschriften aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Diese Denkmäler wurden von Pilgern, Bauern oder wohlhabenden Bürgern errichtet, um an verstorbene Familienmitglieder zu erinnern oder um Schutz für die Reisenden zu erbitten. Sie sind stille Zeugen der Volksfrömmigkeit und Pilgergeschichte.
Ötscher-Gebiet mit steilen Tälchen
Das Ötscher-Massiv (1.893 m) prägt die mittlere Etappe des Weges mit seinen charakteristischen steilen Tälchen und engen Schluchten. Die Landschaft zeigt deutlich die geologische Geschichte der Alpenbildung und bietet spektakuläre Ausblicke auf die Kalkalpen. Hier treffen Pilger auf alpine Flora und erleben die Grenze zwischen Mittelgebirge und Hochgebirge.
Mariazell Basilika
Die Basilika von Mariazell, erbaut ab 1157 und im 17. Jahrhundert im Barockstil erweitert, ist das Ziel des Pilgerweges und eines der bedeutendsten Wallfahrtsorte Mitteleuropas. Die Gnadenmutter von Mariazell wird seit über 850 Jahren verehrt, und die Basilika beherbergt die berühmte Gnadenmutter-Statue aus Silber. Die Kirche ist ein Meisterwerk der Barockarchitektur mit beeindruckenden Fresken und Altären.
Mariazeller Mulde – Landschaftsformation
Die Mariazeller Mulde ist eine charakteristische Senke in der Landschaft, die das Heiligtum wie in einer natürlichen Schale birgt. Diese geologische Formation entstand durch Erosion und Tektonik und schafft ein einzigartiges Mikroklima mit üppiger Vegetation. Die Mulde verleiht dem Wallfahrtsort eine natürliche Amphitheater-ähnliche Qualität.
Barocke Dorfkirchen und Pfarrkirchen
Entlang des Weges säumen zahlreiche barocke Pfarrkirchen die Route, wie beispielsweise in Reichenau an der Rax oder Mitterbach. Diese Kirchen wurden meist im 17. und 18. Jahrhundert errichtet oder umgestaltet und zeigen die Blütezeit der Barockarchitektur in Österreich. Sie sind oft ausgestattet mit wertvollen Altären, Fresken und Skulpturen lokaler Künstler.
Ländliche Wirtshauskultur
Die traditionellen Gasthöfe und Wirtshäuser entlang des Mariazeller Weges sind Ausdruck der ländlichen Gastfreundschaft, die seit Jahrhunderten Pilger willkommen heißt. Diese Lokale servieren regionale Spezialitäten und bieten den Pilgern Erholung und Gemeinschaft. Viele dieser Wirtshäuser existieren bereits seit dem 18. oder 19. Jahrhundert und sind Treffpunkte der lokalen Bevölkerung.
Geschichte & Bedeutung
Ursprung
Der Mariazeller Weg als marianischer Pilgerweg geht auf die legendäre Gründung Mariazells durch den Benediktinermönch Magnus am 21. Dezember 1157 zurück, als dieser mit einer Marienstatue vom Stift St. Lambrecht in die damals abgelegene Siedlungslandschaft der nördlichen Steiermark gesandt wurde. Aus der schlichten „Zelle“ des Magnus entwickelte sich bald ein Gnadenort, an dem wundertätige Eingebungen und Heilungen berichtet wurden; 1266 wird Mariazell erstmals ausdrücklich als Wallfahrtsort erwähnt, was zeigt, dass sich bis dahin bereits ein geregelter Zustrom von Pilgern und damit ein Wegesystem herausgebildet hatte. Der historische Mariazeller Weg folgt alten Saum- und Handelsrouten, auf denen seit dem Hochmittelalter neben Salz, Eisen und anderen Waren auch Pilger aus Ost- und Mitteleuropa Richtung Alpenraum und weiter nach Rom unterwegs waren; diese Wege wurden später in die große europäische Pilgerroute ROMEA STRATA eingebunden. Politische und religiöse Umbrüche wie die Festigung der habsburgischen Herrschaft im Spätmittelalter sowie die Gegenreformation im 16./17. Jahrhundert förderten Mariazell gezielt als nationales Marienheiligtum und festigten damit die Bedeutung der Pilgerwege dorthin.
Bedeutung
Im Mittelalter entwickelte sich der Mariazeller Weg zu einer der wichtigsten Achsen der Marienverehrung im Ostalpenraum; Mariazell wurde zur „Magna Mater Austriae“, also zur geistlichen Mutter des entstehenden habsburgischen Vielvölkerreiches, und zog Pilger aus Böhmen, Ungarn, Slowenien und weiten Teilen des Heiligen Römischen Reiches an. Die Wallfahrtsströme förderten den Bau von Kirchen, Kapellen, Hospizen und Gasthäusern entlang des Weges, beeinflussten die sakrale Kunst (Gnadenbilder, Votivtafeln, Prozessionsfahnen) und prägten eine eigenständige Wallfahrtsarchitektur, deren Höhepunkt die barocke Umgestaltung der Basilika Mariazell im 17./18. Jahrhundert ist. Handel und Handwerk profitierten von der Pilgerschaft: Gasthöfe, Schmiede, Fuhrleute und Händler entlang der Route lebten vom saisonalen Pilgerverkehr, und der Mariazeller Weg wurde Teil eines dichten Netzes, in dem auch Bernstein, Salz, Eisen und Seide transportiert wurden. Zu den bedeutenden Persönlichkeiten, die Mariazell und seine Wege prägten, gehören neben dem Gründer Magnus auch Habsburger Herrscher wie Kaiser Ferdinand II. und Maria Theresia, die Mariazell politisch und finanziell förderten, sowie unzählige Bruderschaften und Zünfte, die seit dem Spätmittelalter organisierte Fußwallfahrten dorthin unternahmen.
Heute
Heute bilden die Mariazeller Wege ein sternförmiges Netz von rund 1.300 Kilometern, das seit 1980 als Mariazeller Wallfahrerwegenetz ausgebaut und markiert ist und die östlichen Bundesländer mit dem Wallfahrtsort verbindet; jährlich kommen insgesamt rund eine Million Wallfahrer und Besucher nach Mariazell, ein beträchtlicher Teil davon zu Fuß. Seit den 1990er-Jahren erlebt der Weg eine deutliche Renaissance im Zuge der Wiederentdeckung des Pilgerns als spirituelle und persönliche Auszeit, was 2014 in der Revitalisierung des historischen Mariazeller Gründerweges gipfelte; dieser folgt in Teilen jahrhundertealten Pfaden und ist zugleich Abschnitt der europäischen ROMEA STRATA. Obwohl Mariazell und seine Wege nicht als UNESCO-Welterbe gelistet sind, ziehen sie heute Gläubige, kulturhistorisch Interessierte und Sinnsuchende gleichermaßen an, die in der Kombination aus alpiner Landschaft, barocker Sakralkunst und lebendiger Marienfrömmigkeit einen Raum für Neuanfang, Dankbarkeit und innere Umkehr finden.
Kultur & Tradition
Regionale Spezialitäten
Traditionen & Bräuche
Sprache
Deutsch (österreichische Varianten) dominiert; vereinzelt Ungarisch, Slowakisch, Kroatisch bei Pilgern. Nützliche Phrasen: „Grüß Gott“ (Höfliche Begrüßung, ganztägig üblich), „Haben Sie noch ein Bett für eine Nacht?“ (Pilgerunterkunft erfragen), „Könnte ich bitte die Pilgermenü-Karte sehen?“ (nach einfachem Essen fragen), „Wo beginnt hier der Mariazeller Weg?“ (nach Wegführung vor Ort fragen)
Etappenplan
* Beispielhafte Einteilung
Tagesetappe
Tagesetappe
Tagesetappe
Tagesetappe
Tagesetappe
Tagesetappe
Höhenprofil
Beste Reisezeit
Empfohlen
Juni bis September
Trockene Wege ohne Schnee auf Hochalmen wie Hohe Veitsch und Bürgeralpe, optimale Bedingungen für Aufstiege ins Almenland.
Meiden
Oktober bis Mai wegen Schnee und Eis auf Pretalsattel und Schöckl
Lokale Küche
Lebkuchen Pirker
Pirker Lebzelterei in Mariazell
Traditionelle Spezialität direkt am Hauptplatz nach Basilika-Besuch.
Regionaler Almgenuss
Wuchtlwirtin am Hubertussee
Einkehr nach Wanderung um Hubertussee, lokaler Insider für Pilger.
Steirische Spezialitäten
Hundskopfhütte Richtung Pretalsattel
Almgerichte mit Veitsch-Blick auf der Schlussetappe.
Praktische Informationen
Unterkunftsmöglichkeiten
- Pilgerherbergen/Schlafräume
- Gästehäuser und Gasthöfe
- Hotels (2–3 Sterne)
- Klöster mit Pilgerzimmern
- Privatzimmer/ Ferienwohnungen
Wegmarkierung
Der Weg ist in Abschnitten gut markiert: örtliche Wanderweg-Markierungen (weiß-rot/weiß) werden ergänzt durch Pilger- bzw. Wallfahrtszeichen und private Hinweise an Marterln. Auf beliebten Abschnitten sind GPX-Tracks weit verbreitet; Kartenführung empfohlen.
Geländebeschaffenheit
- Asphaltierte Ortsdurchfahrten
- Kies- und Schotterwege
- Waldpfade und Forstwege
- steilere bergige Anstiege und -abstiege
- Wiesenwege und Feldwege
Allgemeine Pilgertipps zu Ausrüstung, Gesundheit und Sicherheit findest du auf unserer Pilgertipps-Seite.