Über den Via Turonensis
Die Via Turonensis ist der nördlichste und längste der vier großen französischen Jakobswege, benannt nach der Stadt Tours an der Loire, wo die Grabstätte des heiligen Martins seit dem 4. Jahrhundert Pilger anzieht – noch älter als Santiago de Compostela selbst.
Von Paris oder Orléans startend, führt diese etwa 900 Kilometer lange Route durch das Herz Westfrankreichs und verbindet drei völlig unterschiedliche Landschaften: zunächst die sanften Weinberge und Ackerflächen der Beauce und Touraine mit ihren gotischen Kathedralen wie dem UNESCO-Weltkulturerbe von Chartres, dann die hügeligen Bocage-Landschaften mit romanischen Kirchen und mittelalterlichen Marktstädten wie Poitiers und Saintes, bevor der Weg schließlich in waldreiche Gascon-Dörfer und die Vorstufen der Pyrenäen führt. Diese Route unterscheidet sich fundamental von anderen Jakobswegen: Sie ist größtenteils flach und damit ideal für Anfänger und Radfahrer, doch keineswegs weniger spirituell – stattdessen bietet sie eine intimere, weniger überlaufene Pilgerfahrt mit reichlich romanischer Baukunst, regionaler Küche und authentischen französischen Dörfern.
Die Via Turonensis war nicht nur Pilgerpfad, sondern auch Handelsstrecke, und diese duale Geschichte prägt jeden Kilometer: Pilger begegnen hier nicht nur religiösen Stätten, sondern auch den Zeugnissen einer lebendigen Kulturlandschaft, wo Weinbau, Handwerk und lokale Traditionen bis heute die Identität der Regionen bestimmen.
Beste Reisezeit
Mildes Klima im Loire-Tal und Baskenland ohne extreme Hitze, ideale Bedingungen für flache Etappen von Paris bis Ostabat-Asme.
Meiden: Juli-August wegen Pilgermassen und Unterkunftsengpässen in Saint-Jean-Pied-de-Port
Klima
Highlights
Kathedrale Notre-Dame de Chartres
Die gotische Kathedrale von Chartres zählt zu den bedeutendsten Wallfahrtszielen Frankreichs und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Mit ihren charakteristischen blauen Glasfenstern und dem einzigartigen Labyrinth im Fußboden verkörpert sie die spirituelle Essenz des Mittelalters. Die alternative Route über Chartres ermöglicht es Pilgern, diese architektonische Meisterwerk zu besuchen, bevor sie sich der Hauptroute anschließen.
Basilika Saint-Martin in Tours
Tours gilt als noch älterer Pilgerort als Santiago de Compostela, da hier die Grabstätte des heiligen Martins aus dem 4. Jahrhundert liegt. Die Basilika ist für viele Pilger ein wichtiger spiritueller Anlaufpunkt und markiert den Wendepunkt, wo die Chartres-Variante in die Hauptroute der Via Turonensis übergeht. Die Stadt an der Loire war Zentrum des frühen Christentums in Westfrankreich.
Loire-Tal und Weinregion Touraine
Zwischen Tours und Vouvray durchquert der Weg das berühmte Weinbaugebiet der Touraine mit sanften Hügeln und Weinbergen. Vouvray ist besonders bekannt für seine Weißweine und die vielen alten Weinkeller, die teilweise in Felsengewölben aus dem Mittelalter untergebracht sind. Diese Etappe verbindet landschaftliche Schönheit mit gastronomischen Genüssen.
Turm Saint-Jacques in Paris
Der Turm Saint-Jacques im Pariser Viertel Châtelet–Les Halles bildet den symbolischen Startpunkt der Via Turonensis in unmittelbarer Nähe zur weltberühmten Kathedrale Notre-Dame de Paris. Dieser gotische Turm aus dem 16. Jahrhundert war ursprünglich Teil der Kirche Saint-Jacques-la-Boucherie und diente Pilgern als Orientierungspunkt für ihren Aufbruch gen Süden. Er steht heute als Denkmal für die lange Tradition der Jakobspilgerschaft.
Romanische Kirchen des Bocage
Zwischen Poitiers und Saintes prägen zahlreiche kleine romanische Kirchen, Klöster und historische Marktplätze die Route. Diese Bauwerke stammen teilweise bis ins Mittelalter zurück und zeigen die charakteristische Architektur der Poitou-Romanik mit ihren massiven Gewölben und kunstvollen Kapitellen. Jedes Dorf scheint sein eigenes spirituelles Kleinod zu bewahren.
Abbaye des Dames in Saintes
Die Abbaye des Dames in Saintes mit ihren gepflasterten Straßen ist ein bedeutendes romanisches Bauwerk und wichtige Station auf der Via Turonensis. Das Kloster wurde im 11. Jahrhundert gegründet und zeigt die reiche monastische Tradition der Region. Die Stadt Saintes selbst bewahrt römische Überreste und mittelalterliche Architektur.
Parc Naturel de la Haute Vallée de Chevreuse
In den ersten Etappen führt die Route durch diesen Naturpark nördlich von Paris mit seinen Wäldern und sanften Hügellandschaften. Diese waldreiche Umgebung bietet Pilgern Momente der Stille und Reflexion unmittelbar nach dem Aufbruch aus der Großstadt. Der Übergang von urbaner zu natürlicher Landschaft prägt das spirituelle Erlebnis dieser frühen Etappen.
Beauce-Ebene und Ackerlandschaften
Die weiten Felder der Beauce zwischen Paris und Orléans prägen das Landschaftsbild mit ihrer endlosen Horizontlinie. Diese flachen Ackerlandschaften waren historisch die Kornkammer Frankreichs und ermöglichen es Pilgern, lange Tagesetappen in meditativer Atmosphäre zu gehen. Die Monotonie der Landschaft fördert die innere Einkehr und Kontemplation.
Geschichte & Bedeutung
Ursprung
Die Via Turonensis entstand im frühen Mittelalter als organisierter Jakobsweg, erstmals urkundlich belegt im mittelalterlichen Pilgerführer 'Liber Sancti Jacobi' um 1140–1150. Ursprünglich begann der Weg in Orléans, einem wichtigen Bischofssitz und königlichen Zentrum, und wurde von Pilgern aus Nordfrankreich, England, den Niederlanden und Deutschland genutzt, die über die Loire-Region nach Spanien zogen. Die Route entwickelte sich aus alten Handels- und Heerstraßen, die im 9. und 10. Jahrhundert durch die wachsende Verehrung des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela und die Förderung durch lokale Bischöfe und Klöster zu einer festen Pilgerroute wurden. Der Name 'Via Turonensis' leitet sich von Tours ab, wo das Grab des heiligen Martin von Tours (gest. 397) seit dem 5. Jahrhundert ein bedeutendes Pilgerziel war und die Stadt zu einem zentralen Knotenpunkt der Pilgerströme wurde.
Bedeutung
Im Hochmittelalter war die Via Turonensis eine der wichtigsten Pilgerstraßen nach Santiago und vor allem für Pilger aus Nordeuropa die bevorzugte Route, da sie von Paris und den nordfranzösischen Städten aus gut erreichbar war. Die Pilgerströme förderten den Aufbau von Hospizen, Klöstern und Kirchen entlang der Route, insbesondere in Orléans, Tours, Poitiers und Bordeaux, und trugen zur Entstehung romanischer und später gotischer Sakralbauten bei, die heute UNESCO-Welterbestätten sind. Der Weg diente nicht nur religiösen Zwecken, sondern war auch eine bedeutende Handels- und Kommunikationsachse, die den kulturellen Austausch zwischen Nord- und Südfrankreich sowie zwischen Europa und der Iberischen Halbinsel intensivierte. Berühmte Persönlichkeiten wie Jakobus der Pilgerkönig von Aragón (13. Jh.) und zahlreiche anonyme Pilger aus dem Norden Europas nutzten diese Route, ebenso wie französische Könige und Bischöfe, die die Pilgerfahrt als spirituelle und politische Handlung förderten.
Heute
Heute erlebt die Via Turonensis seit den 1990er Jahren eine Renaissance als Fernwander- und Radweg, nachdem der Jakobsweg in Frankreich 1998 als UNESCO-Welterbe anerkannt wurde und die Route nun als Teil der 'Chemins de Saint-Jacques de Compostelle' geschützt ist. Tausende Pilger aus aller Welt wandern jährlich die rund 915 Kilometer von Paris nach Saint-Jean-Pied-de-Port, motiviert von spiritueller Suche, kulturellem Interesse und der Sehnsucht nach einer tiefen Verbindung zu Geschichte, Natur und Gemeinschaft auf diesem alten Königsweg der Pilger.
Kultur & Tradition
Regionale Spezialitäten
Traditionen & Bräuche
Sprache
Französisch (überall), Baskisch zusätzlich in Saint-Jean-Pied-de-Port. Nützliche Phrasen: «Bonjour, je suis pèlerin sur le chemin de Saint-Jacques.» / «Auriez-vous un tampon pour ma crédentiale, s’il vous plaît ?» / «Y a‑t‑il un menu du pèlerin ce soir ?» / «Où se trouve la prochaine église ou chapelle ouverte ?»
Etappenplan
* Beispielhafte Einteilung
Tagesetappe
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Höhenprofil
Besondere Herausforderungen
Insider-Tipps
Beste Reisezeit
Empfohlen
Mai bis Juni
Mildes Klima im Loire-Tal und Baskenland ohne extreme Hitze, ideale Bedingungen für flache Etappen von Paris bis Ostabat-Asme.
Meiden
Juli-August wegen Pilgermassen und Unterkunftsengpässen in Saint-Jean-Pied-de-Port
Highlights
Kathedrale von Tours
Beeindruckende gotische Kathedrale mit Pilgergeschichte, zentraler Ruhepunkt.
Etappe nach Tours / Loire-Tal
Tour Saint-Jacques in Paris
Historischer Startpunkt der Via Turonensis, gotischer Turm mit Panoramablick.
Etappe 1 / Paris
Abtei in Poitiers
Kreuzgänge und romanische Architektur als kultureller Höhepunkt.
Etappe Poitiers / zwischen Tours und Bordeaux
Lokale Küche
Loire-Weine und Rillettes
Orléans Markthalle
Frische Rillettes du Mans in der Markthalle von Orléans probieren.
Bordeaux Rotwein und Entenconfit
Bordeaux Altstadt
Confits de canard in der Brasserie La Tupina in Bordeaux genießen.
Tourainer Ziegenkäse Sainte-Maure
Tours Wochenmarkt
Sainte-Maure de Touraine auf dem Markt in Tours mit lokalen Weinen kombinieren.
Praktische Informationen
Unterkunftsmöglichkeiten
- gîtes d'étape / Herbergen für Pilger
- municipale und private gîtes
- chambres d'hôtes (Pensionen)
- kleine Hotels und B&Bs
- gelegentlich Klöster und religiöse Gästehäuser
Wegmarkierung
Gut markiert mit der Jakobsmuschel/gelben Pfeilen in vielen Regionen; auf längeren Abschnitten trifft man auf GR-Markierungen (rot-weiß) und lokale gelbe Markierungen. In Ortschaften klar ausgeschildert, zwischen den Dörfern auf Pfaden und Feldwegen achtsam folgen.
Geländebeschaffenheit
- Asphaltierte Ortsdurchfahrten und Landstraßen
- Schotter- und Feldwege (bocage)
- Waldpfade und Wiesenwege
- vereinzelte steilere Anstiege kurz vor den Pyrenäenausläufern
- kaum ausgesetzte Bergpfade, überwiegend moderat
Allgemeine Pilgertipps zu Ausrüstung, Gesundheit und Sicherheit findest du auf unserer Pilgertipps-Seite.